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Die Sagen der Heimat aus Volkes Mund

Gesammelt von B. E. Siebs

1926

 

Freesenhörn

 

Im Kirchenspiel Nordleda liegt ein Landstrich, der den Namen Freesenhörn trägt. Diese Gegend soll der Schauplatz einer blutigen Schlacht gewesen sein, des Schlussakts jener Kämpfe zwischen den Hadelern und Wurstern, die das ganze Mittelalter ausfüllten.

 

Es war in einem harten Winter gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als die Wurster sich wieder einmal gegen ihre Nachbarn an der Elbe aufmachten, um über das hartgefrorene Moor in deren Land einzudringen. Die Hadeler hatten aber rechtzeitig Kenntnis von dem Vorhaben der Friesen erhalten und setzten sich auf der Wannaer Heide zur Wehr. Allein sie vermochten dem ungestümen Angriff der Wurster nicht zu widerstehen und mussten sich auf Osterwanna zurückziehen. Dort verschanzten sie sich an dem Platz, der bis auf den heutigen Tag den Namen „Schanze“ trägt. Zunächst versuchten die Feinde, die Stellung der Hadeler zu nehmen, aber sie mussten bald das Vergebliche ihrer Bemühungen einsehen. Deshalb umgingen sie den Ort und versuchten, in der Hoffnung auf den verlassenen Höfen der Gegend von Nordleda gute Beute zu machen, unterhalb des Wannaer Sees weiter vorzudringen. Doch von nun an verließ sie ihr guter Stern. Die Hadeler ließen eine notdürftige Besatzung in der Schanze zurück und setzten den Eindringlingen nach. Eben bei der Fresenhörn holten sie den Feind ein. Es entspann sich eine kurze, aber heftige Schlacht, die mit einem vollen Sieg der Hadeler endete. Fast sämtliche Friesen wurden erschlagen, nur wenigen gelang die Flucht.

Bald darauf erschienen die Wurster mir großer Verstärkung von neuem im Lande Hadeln. Aber auch dieser Einfall nahm einen unglücklichen Verlauf. Die Hadeler schlugen den Feind noch einmal aufs Haupt und lichteten seine Reihen so gründlich, dass die wenigen Überlebenden um Gnade bitten mussten. - Auf jenen Tag, so berichten die Chroniken, geht das Aussterben der friesischen Urbevölkerung in der Wurster Marsch zurück.

 

Der Ort, da die Hadeler ihren Sieg über die Friesen davontrugen, aber heißt bis heute mir Rücksicht auf seine hornartige Gestalt „Fresenhörn“.

 

Die Geistermesse in Nordleda

 

Es war zu der Zeit, als noch der Krummstab im Lande herrschte und die neue Lehre noch keinen Eingang im Lande Hadeln gefunden hatte. Da erwachte eine Frau in Nordleda eines Morgens früh vom Klang der Kirchenglocke. In der Annahme, dass es Zeit sei, in die Frühmesse zu gehen, machte sie sich sogleich auf den Weg nach der Kirche. Sie fand die Tür weit offenstehend und trat also in das Gotteshaus ein. Dort saßen schon viele Andächtige in den Bänken, mehr vielleicht, als sich sonst zum Frühgottesdienst einzufinden pflegten. Die Frau kümmerte sich aber nicht weiter darum. Sie begab sich an ihren Platz und fiel auf die Kniee, um ein stilles Gebet zu verrichten. Dabei war es ihr, als käme Bewegung in die übrigen Kirchenbesucher. Als sie aber ihren Platz wieder eingenommen hatte und aufblickte, bemerkte sie, dass die übrigen Frommen oder doch ein Teil von ihnen sich um ihren Platz versammelt hatten und sie aus neugierigen Augen ansahen. Nun begann der Frau eine unbestimmte Befürchtung aufzukommen. Sie sah den Leuten genauer in das Gesicht, und dabei musste sie zu ihrem Schrecken erkennen, dass einige von ihnen die Züge von Angesessenen des Kirchspiels trugen, deren Körper längst die Erde deckte. Da wurde die Frau von namenlosem Grauen erfüllt. Sie erhob sich und eilte, so schnell die Füße sie trugen, dem Ausgang zu, vorbei an den vor ihr stehenden und den anderen regungslos in ihren Kirchstühlen sitzenden Kirchgängern. Und kaum war die Frau im Freien, da fiel hinter ihr die Kirchentür mit lautem Knall ins Schloß, sei es, dass der Wind sie zugeworfen hatte, sei es, dass die seltsamen Kirchgänger sich vor weiteren unliebsamen Besuchern zu sichern suchten. Einen Augenblick später aber verkündete die Turmuhr mit einem Schlag den Schluß der Geisterstunde. So wurde der Frau der letzte Zweifel daran genommen, dass sie sich verfrüht hatte und statt, wie sie gewollt, an der Messe der Lebenden teilzunehmen, in die Messe der Toten geraten war.

 

 

Latten Tamm

 

Im Nordledaer Strich, etwa tausend Schritt von der Kirche entfernt, liegt ein Hof, den man, weil er im Eigentum des Klosters Neuenwalde steht, den Klosterhof nennt. Auf diesem Hof ist es bis vor einiger Zeit nicht geheuer gewesen. Ein ehemaliger Besitzer des Hofes nämlich - Latten Tamm mit Namen - hat im Grabe keine Ruhe finden können und ging deshalb Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hindurch an der Stätte seiner früheren Wirksamkeit um. Schon in alten Aufzeichnungen heißt es von diesem Besitzer: „Er kommt immer wieder.“ Vielleicht hängt mit unserem Latten Tamm die Inschrift in einem Balken der Scheune zusammen: „Gerdt Tamm Becke Tammen Anno 1750 d. 22 Juny“.

 

Latten soll, so heißt es, ein wohlhabender Mann gewesen sein. Aber er wusste sein Vermögen nicht richtig zu gebrauchen. Statt den Armen abzugeben, wies er ihnen, so oft sie bei ihm vorsprachen, die Tür. Dabei strotzen seine Räume von Schmuck und Prunk, und er scheute sich nicht, seine Stuben statt mit Sand mit Weizenmehl zu streuen. - Als wieder einmal ein Bettler bei Latten, der gerade hinter einem schönen Stück Speck saß, vergeblich vorsprach und dieser ihn gar mit dem Stock vertrieb, verfluchte der Bettler ihn und sagte, zu Lebzeiten solle es ihm hinfort schlecht gehen und im Grabe solle er keine Ruhe finden. - Dieser Fluch sollte nur zu bald in Erfüllung gehen. Latten starb kurz darauf, und seine sterblichen Überreste wurden auf dem Nordledaer Kirchhof zur ewigen Ruhe bestattet. Lattens Geist aber blieb auf dem Hofe und sollte lange Zeit hindurch seine Nachfolger beunruhigen and ängstigen.

 

In mondhellen Nächten konnte man fortan auf den Feldern hinter dem Hofe einen Mann auf- und abgehen sehen, der, nur mit einem Hemd bekleidet, die Getreidehocken abzählte. Dann wieder hörten die Bewohner des Hauses im Pferdestall ein eigenartiges Geräusch. Es rührte von Latten her, der die Pferde fütterte. In solchen Nächten bewegte sich dann auch wohl das Gerät auf der Diele des Hauses.

 

Den Bewohnern des Klosterhofes wurde bald unheimlich zu Mute, und sie versuchten auf mancherlei Art, dem Geist des bösen Latten Ruhe zu verschaffen oder doch ihn sich fernzuhalten. Deshalb legten sie zunächst in der Südwestecke des Wirtschaftshofes jene kleine viereckige, rings von einem Graben umgebene Insel an, die man noch heute sehen kann. Allein die Insel verfehlte ihren Zweck. Latten brach aus, suchte beinahe Nacht für Nacht das nahe Backhaus auf und trieb dort allerlei Unfug, brachte das Gerät im Backhaus durcheinander und schlug die Fensterscheiben ein. Als einmal eine auf dem Hof bedienstete Magd noch spät abends im Backhause zu tun hatte, fragten die anderen sie, ob sie kein Licht mitnehmen wolle. Sie antwortete: „Latten ward mi den Weg wol wisen!“ Kaum hatte sie das Haus verlassen, da erhielt sie einen Schlag in das Gesicht, das sie lang hinfiel.

 

Nun versuchte man es damit, den Geist in einen Birnbaum zu verbannen. Aber auch so vermochte man sich keine Ruhe vor Latten zu schaffen. Der Baum wollte fortan keine reifen Früchte mehr tragen. Sie fielen schon vorher ab und lagen morgens unter dem Baum, und zwar an einer Stelle, wohin der Wind sie nicht geweht haben konnte, gerade als ob Latten sie abgepflückt und heruntergeworfen hätte. „Lattens Beeren“ nannte man dieses Fallobst deshalb sprichwörtlich.

 

Da auch dieses Mittel nicht verschlug, wandte man sich an einen Pastor. Der riet, dem Geist eine menschliche Behausung unter dem Wohnhaus zu schaffen. So legte man denn unter dem Hofgebäude einen Keller an, setzte Tisch und Stuhl hinein. legte eine Bibel auf den Tisch und einen Sack mit Sand in die Ecke. Dann ließ man Latten durch den Pastor in den Keller verweisen und ihm aufgeben, die Sandkörner abzuzählen. mit dieser Arbeit ist Latten bis auf den heutigen Tag beschäftigt, und das ist der Grund, weshalb die Leute jetzt endlich Ruhe von ihm haben.

 

 

 

 
   
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